Chronik.Ereignis1036 Besuch im Vanyadâl 08: Unterschied zwischen den Versionen
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"Ich will nicht irgendein blutsverwandtes Ross!", schimpfte Richeza trotzig. "Ich habe schon einmal ein Pferd verloren, das mir geschenkt wurde und dieses …" Sie riss Rifada die Zügel aus der Hand, wendete abermals ihr Pferd, zog sich die Kapuze ihres Mantels ins Gesicht und ließ das Tier rasch auf das Kloster zutraben, vorbei an der erstaunten Gardereiterin, vorbei an der ihr verständnislos hinterher schauenden Belisetha. Sie trieb dem Tier die Hacken in die Seiten, den Kopf gesenkt, damit niemand bemerkte, wie ihr die Tränen über die Wangen strömten, während sie auf das Boronkloster zuhielt und den schweigenden Wald, durch den sie vor wenigen Monden noch lachend und hoffnungsfroh gelaufen war, dessen Anblick schmerzhaft Erinnerungen mit sich brachte, die nunmehr für immer der Vergangenheit angehörten, die bald verblassen und nie wiederholt werden würden. | "Ich will nicht irgendein blutsverwandtes Ross!", schimpfte Richeza trotzig. "Ich habe schon einmal ein Pferd verloren, das mir geschenkt wurde und dieses …" Sie riss Rifada die Zügel aus der Hand, wendete abermals ihr Pferd, zog sich die Kapuze ihres Mantels ins Gesicht und ließ das Tier rasch auf das Kloster zutraben, vorbei an der erstaunten Gardereiterin, vorbei an der ihr verständnislos hinterher schauenden Belisetha. Sie trieb dem Tier die Hacken in die Seiten, den Kopf gesenkt, damit niemand bemerkte, wie ihr die Tränen über die Wangen strömten, während sie auf das Boronkloster zuhielt und den schweigenden Wald, durch den sie vor wenigen Monden noch lachend und hoffnungsfroh gelaufen war, dessen Anblick schmerzhaft Erinnerungen mit sich brachte, die nunmehr für immer der Vergangenheit angehörten, die bald verblassen und nie wiederholt werden würden. | ||
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'''Derweil im Galgenturm des Klosters La Dimenzia''' | |||
'''Autor:''' [[Benutzer:Von Scheffelstein|von Scheffelstein]] | |||
"Was soll das heißen: Sie ist tot?", fragte [[Morena Solivai von Harmamund]] entrüstet, gerade so, als sei ihre Vorfahrin nur deshalb verstorben, um ihren Zielen im Wege zu stehen. | |||
"Sie war eine alte Frau, Eure Wohlgeboren", sagte der Geweihte. "Über hundert Jahre, als sie starb." | |||
Morena schnaufte verärgert. "Wie lange ist das her?" | |||
"Sieben Jahre." | |||
"Und ihr Nachlass? Ihr habt doch sicher alles aufgehoben?" | |||
Der Priester überhörte den drohenden Unterton. "Ihre Besitztümer wurden vor einigen Jahren von einer … Freundin abgeholt. Einiges ging auch an ihren Sohn." | |||
"Einer Freundin?" Morena ballte die Faust. Bestimmt steckten die da Vanyas dahinter! Dann runzelte sie die Stirn. "Was für ein Sohn? Ihr Sohn ist seit über dreißig Jahren tot! Und meine Großmutter und ihre Schwester, die Fürstin, ebenfalls." | |||
Der Geweihte schwieg. Seinen dunklen Augen war nicht anzusehen, was er dachte. Das bleiche Gesicht mit dem dunklen Schnauzer und der hohen, kahlen Stirn, war reglos wie eine Maske. | |||
"Antwortet!", hieß ihn Morena. "Was für ein Sohn?" | |||
"Sie hatte einen Sohn, Eure Wohlgeboren." Der Priester schützte die Kerze mit einer Hand. Durch das schmale, vergitterte Fenster unter der Decke wehte es kalt herein. Vereinzelte Schneeflocken fielen auf die Bettstatt, vor der ein dicker Teppich ausgebreitet war. Bis auf eine Truhe, einen Tisch und einen Stuhl war der Raum leer. Die dunklen Wände wirkten abweisend und kalt. Kaum vorstellbar, dass eine Hundertjährige hier gelebt hatte. Die Kammer war ein Gefängnis, nichts anderes! [[Ahumeda da Vanya]] hatte fast ihr ganzes Leben hier verbracht. 67 Jahre! Morena schauderte. Unwillkürlich verschränkte sie die Arme vor der Brust. | |||
"Hatte sie meinen Urgroßvater betrogen? Bevor sie verrückt wurde? Der Junge wird wohl kaum innerhalb dieser Mauern geboren worden sein!" | |||
Der Geweihte sah sie nur unbewegt an. | |||
"Ich bin immerhin Ahumeda da Vanyas Urenkelin", erklärte Morena. "Ich habe ein Recht darauf, mehr über meine Ahnin zu erfahren. Also, sagt schon … Euer Gnaden: Wer ist der Junge? Wer war sein Vater? Und lebt er noch? Der … Bastard?" | |||
Abt Marbodans Augen wanderten über das karge Bett, die ordentlich zusammengefaltete, staubige Decke, dann sah er Morena an. "Was dem Herrn Boron anvertraut wurde, darüber haben die Sterblichen zu schweigen, Eure Wohlgeboren." Er hielt ihr die schwere, eisenbeschlagene Tür auf. "Es beginnt zu dunkeln. Wir werden Euch und den Euren Zimmer im Westflügel richten lassen, wenn Ihr zu bleiben wünscht." | |||
Morena von Harmamund widerstand dem Drang, ihren Dolch zu ziehen und all seine kleinen Geheimnisse aus dem Boroni herauszukitzeln. Noch war ihre ihr durch Ras'Ragh verliehene Macht nicht groß genug, als dass sie einen Priester der Zwölfe herausfordern dürfte. Zudem erreichte man mitunter mehr, wenn man seinen Zorn zügelte und besonnen vorging. Sie würde ihrem Bruder schreiben, dem nichtsnutzigen Boroni, der in [[Khahirios]] seinen Tempeldienst versah. Einstmals hatte das Königslehen ihren Vorfahren gehört, die als Barone über das Land geherrscht hatten. Doch nachdem die Fürstin den Heldentod gestorben und ihr Urgroßvater in Ungnade gefallen und hingerichtet worden war, war der Stern des Hauses Harmamund gesunken, man hatte die Familie enterbt und das Lehen in ein Königliches Eigengut verwandelt. Mit ihr aber, und unter der Herrschaft ihres Onkels, des Fürsten Almadas, würden die Harmamunds erneut zu Macht gelangen, schwor sich Morena. | |||