Chronik.Ereignis1033 Feldzug Raschtulswall 15: Unterschied zwischen den Versionen
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Noch drang Licht durch einen Kamin hinter ihnen, doch vor ihnen in der Tiefe war es dunkel. Irgendwo dort hallte Raffzahns Gebell gespenstisch von den Wänden wider. Und irgendwo dorthin war auch das Mädchen Zaida verschwunden. | Noch drang Licht durch einen Kamin hinter ihnen, doch vor ihnen in der Tiefe war es dunkel. Irgendwo dort hallte Raffzahns Gebell gespenstisch von den Wänden wider. Und irgendwo dorthin war auch das Mädchen Zaida verschwunden. | ||
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'''Autor''': [[Benutzer:Von Scheffelstein|von Scheffelstein]] | |||
[[Aureolus von Elenta]] kniete auf dem kühlen, feuchten Stein und betrachtete sein Spiegelbild. Im matt-orangen Licht der unzähligen Gwen-Petryl-Steine, die wie gefrorene Funken an Wänden und Decke der Höhle leuchteten, wirkte sein Gesicht lebendiger, weniger blass als sonst. Seine Augen strahlten wie gelbe Sonnen, die es mit dem Licht der Steine durchaus aufnehmen konnten. Aureolus streckte die Hand aus, verharrte dicht über der Wasseroberfläche. Wie schön er aussah! Wie ein Halbgott, wie ein Dämon – unwiderstehlich, geheimnisvoll, mächtig! | |||
Mächtig! Es war Zeit, dass er seine Macht wiedererlangte! Aureolus schloss die Augen, tauchte die Hand in den unterirdischen See. Das kalte Wasser leicht auf seiner Haut. Der Zauberer kannte den Effekt von mineralhaltigen Wässern, wie seine einstige Lehrmeisterin [[avwik:Mordaza Maraneta| Mordaza Maraneta]] sie in ihrem Laboratorium verwendete. Hier aber war es noch anders: Aureolus spürte die Kraft, die durch seine Haut in Muskeln und Adern drang, eine Wärme, die sich von der Hand langsam den Arm hinauf ausbreitete. Aureolus tauchte auch die zweite Hand in den See, schöpfte mit beiden Händen Wasser und trank, zweimal, dreimal. Dann schlug er den Umhang zurück, zog die Metallphiolen aus dem Täschchen an seinem Umhang, füllte und verschloss sie. | |||
Gerade hatte Aureolus das letzte Fläschchen ins Wasser getaucht, als eine plötzliche Veränderung ihn innehalten ließ. Ein Lufthauch machte ihn frösteln, die feinen Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Es war, als glitten Schatten unter der Wasseroberfläche dahin, als stiege Nebel über dem See auf - selbst das Licht der Steine schien dunkler geworden zu sein, röter. | |||
Aureolus zog die Hand aus dem Wasser zurück, kam aber nicht dazu, sich aufzurichten. Ein klingender Ton erfüllte seinen Kopf, er nahm seinen eigenen Atem lauter wahr, seinen beschleunigten Herzschlag, das Rauschen des Blutes in seinen Adern, das anschwoll, abschwoll. Es wurde dunkler um ihn, bis alles in rotes Licht und Schatten getaucht schien. Er spürte seine Hände nicht mehr, es war, als sei er in seinem eigenen Körper eingeschlossen. Für einen Moment stieg Angst in ihm auf, dann die Erkenntnis: Da war etwas in ihm, etwas Fremdes! | |||
Wut machte sich breit. Wut auf das Fremde, das ihn beherrschte! Ihn! Den Sohn des großen [[Rakolus der Schwarze|Rakolus]]! Niemals! Aureolus wehrte sich, rang mit dem Fremden in seinem Kopf, in seinem Körper. ''Was willst du?'', fragte er zornig, nicht mehr als ein Gedanke. Er spürte die Antwort, nichts weiter als eine Idee, wortlos, und doch klar. Er sei nicht der Schamane. Er sei ein Eindringling. Er vergreife sich an der Quelle. Er störe den Frieden. Er störe die Ruhe der Geister. | |||
Aureolus kämpfte gegen den Schmerz in seinem Kopf. Er konzentrierte sich auf seinen Atem, auf das Schlagen seines Herzens, bis beides ruhiger wurde. Er spürte in sich hinein, bis er sich sicher war, seine Hände wieder zu fühlen, seine Finger bewegen zu können. Der Geist in ihm brannte wie eisiges Feuer unter seiner Haut, lähmte ihn. Aureolus zwang ihn zurück, stellte sich vor, wie er mit dem goldenen Blick seiner Augen den Geist verbrannte, wie er mit den Flammen seines Zornes seinen Körper wärmte und den Geist vertrieb, wie er mit der Kraft seines Willens den Willen des Geistes brach, bis dieser schwach war, ein Diener nur, ''sein'' Diener, ein Sklave. | |||
Schwankend richtete Aureolus sich auf. ''Ich bin Aureolus, der Goldene, Sohn des Schwarzen'', dachte er und bemühte sich, die Worte klar und kraftvoll wirken zu lassen, selbst wenn sie nicht zu hören waren, seine Zunge ihm noch nicht wieder gehorchte. ''Ich bin der Nuranshâr der [[Bâni Khadr]], der Bezwinger von [[Ghazal iban Muyanshîr]]'', log er. | |||
Für einen Moment ließen die Schmerzen in seinem Kopf nach, er sah klarer, dann aber verstärkte der Geist seine Präsenz, und seine Gedanken, wortlos, bildlos und doch unmissverständlich, ergriffen Besitz von Aureolus. Wo der Windgeist sei. Wie er den Nuranshâr habe besiegen können. Wie er den Windgeist besiegt habe. Er sei ein Lügner. Ein Lügner. Ein Fremder. Ein Eindringling. Niemand könne den Windgeist besiegen. Die Geister hätten gefehlt. Er sei nicht mächtiger als die Geister. Er sei nicht erwünscht. Nicht erwünscht. Nicht erwünscht. Nicht ... | |||
Die Feindseligkeit des Geistes schnürte Aureolus die Kehle zu, ließ seinen Atem stocken. Sein Herz raste, stolperte. Sein Blut pfiff durch seine Ohren. Der Schmerz in seinem Kopf wurde unerträglich, fast wie damals, als seine Lehrmeisterin ihn mit einem ''Fulminictus'' gepeinigt hatte, als er sich erstmals gegen sie aufgelehnt hatte. Der Geist war mächtig. Mächtiger als er. Er würde sterben! | |||
Nein! NEIN! Er war Rakolus' Sohn! ''Hilf mir, Vater!'' Er durfte nicht sterben! Er hatte noch soviel vor! Oh, Götter und Dämonen, nicht so! ''Vater, bitte!'' | |||
Er sah ihn vor sich, Rakolus von Schrotenstein. Sein helles Haar, das der Wind um seine Schultern wehte, das blaue und das grüne Auge, die ihn anblickten, das blaue unter einer amüsiert gehobenen Augenbraue. ''Jetzt weißt du, was Furcht ist, Sohn'', hatte er gesagt, nachdem er ihm erstmals den ''Eigene Ängste'' demonstriert hatte. Aureolus war fünf gewesen. ''Und jetzt höre auf zu greinen wie ein Kind. Wenn du mein Sohn sein willst, musst du lernen, deine Furcht zu beherrschen. Wenn du mein Sohn bist, werden die Menschen dich allein dafür verachten, dass du bist, was du bist. Fürchte dich nicht. Furcht ist etwas für die Schwachen, die Demütigen. Sei nicht schwach, lehre andere Demut.'' Rakolus hatte sein Kinn umschlossen mit seinen schönen, schlanken Fingern. Ganz sanft und doch fest genug, dass der Knabe die Kraft des Vaters gespürt hatte. Kraft eines unbezwingbaren Willens, der aus den unergründlichen Augen gesprochen hatte. ''Bist du mein Sohn, Aureolus, wie ich dich geschaffen habe?'', hatte er gefragt, und Aureolus hatte gewusst, dass er selbst in diesem Augenblick über seine Zukunft entschied. ''Willst du mein Sohn sein?'' - ''Ja, Vater'', hatte er geantwortet und es mit ganzem Herzen gewollt. Er wollte es noch immer. | |||
Mit einem Aufschrei stemmte sich der junge Zauberer gegen die Präsenz des Geistes, einem Schrei, der das Blut in seine tauben Hände zurückkehren ließ, der sein Herz kraftvoll antrieb, seine Lungen blähte, seinen Atem befreite, seine Kehle erzittern ließ, seine Muskeln spannte und seinen Geist Herr werden ließ über seine Sinne, einem Schrei, der infernalisch von den basaltenen Wänden der Höhle widerhallte, das Wasser des Sees kräuselte, die roten Schatten zurückdrängte und in schließlich, all seiner Kraft beraubt, aber frei, zu Boden sacken ließ. | |||
Zitternd lag Aureolus auf dem Stein am Ufer des Sees. Im warmen Licht der Gwen-Petryl-Steine wirkte er so still und friedlich wie zuvor. Als sei nichts geschehen. Der Geist – nein: die Geister – aber waren noch da. Irgendwo unter dem Wasser. Er hatte ihnen ihren Platz gewiesen. Sie fürchteten ihn. Aber sie schätzten ihn nicht. Er musste vorsichtig sein. Erst, wenn er Ghazal wirklich besiegt, erst wenn er unbestreitbar Nuranshâr der Bâni Khadr war, würde er wagen können, sie zu beherrschen. | |||
Aureolus rappelte sich auf, hob die Phiole auf. Er zögerte kurz, dann tauchte er sie ins Wasser, leerte sie in einem Zug, füllte sie erneut. Ein Zittern lief durch den See. "Ich bin der Nuranshâr", flüsterte er, steckte das Fläschchen zu den anderen in seiner Gürteltasche. Das Wasser schwieg. | |||
Es führte kein Weg daran vorbei: Er musste Ghazal vernichten! Die Geister sahen in dem Alten noch immer den rechtmäßigen Schamanen. Mochte er die einfältigen Wilden auch täuschen, die Geister würde er nicht täuschen können. Morgen Nacht würde er ins Zelt des Schamanen schleichen und ihm seinen Dolch ins Herz stoßen. Aureolus stockte. Die Gedanken des Geistes fielen ihm wieder ein, die zu seinen Gedanken geworden waren. Wo der Windgeist sei. Wie er den Nuranshâr habe besiegen können. Wie er den Windgeist besiegt habe. Was für ein Windgeist? Plötzlich fügten sich Bilder aneinander wie die Steine eines Mosaiks: Der brabbelnde Alte – redete er vielleicht gar nicht mit sich selbst? Ghazal, der mit seiner Knochenkeule auf einen jungen Ferkina wies, der wie von Zauberhand zu Boden geschleudert wurde. Aureolus hatte angenommen, dass der Keule ein ähnlicher Zauber innewohnte wie seinem eigenen Stab, einer, den die Gildenmagier scherzhaft 'Hammer des Magus' nannten. Aber woher sollte der Alte Kenntnis über das gildenmagische Ritual erlangt haben? Und manchmal erschien der Nuranshâr in kürzester Zeit an einem Ort und bald darauf am nächsten. Dass aber die Wilden um die Thesis des Transversalis wussten, war ausgeschlossen. Und wenn Aureolus' es sich recht überlegte, hatte er den Alten nicht einfach verschwinden sehen, wie dies beim Eintritt in den Limbus der Fall war, vielmehr war er in Windeseile entschwunden. | |||
In ''Windeseile!'' Das also war sein Geheimnis! Der Alte vermochte dem Wind zu befehlen. ''Wie er den Windgeist besiegt habe?'' Aureolus lachte. Das war es: Nicht einmal der Wind selbst, ein Geist! Wenn er Ghazal vernichten wollte, musste er erst an diesem Geist vorbeikommen. Ein Windgeist also. Ein Elementargeist. Bestimmt kein minderer Geist, dazu war er zu mächtig. Wohl aber auch kein elementarer Meister, der würde sich niemals dem Willen eines greisen Ferkina unterwerfen, selbst wenn dieser mächtiger sein sollte, als Aureolus ihn bislang eingeschätzt hatte. Ein Dschinn vielleicht? Ja, das konnte sein. Aus irgendeinem Grund musste Ghazal dauerhaft Macht über das Wesen haben oder dieses dem Alten loyal ergeben sein. Wenn es Aureolus gelänge, den Dschinn zu töten oder zu bannen, würde er auch Ghazal aus dem Weg räumen können. Unglücklicherweise war er in Mordaza Maranetas Lehrstunden über Elementarmagie wenig aufmerksam gewesen. Konnte man Dschinne töten? Und wie bannte man sie? Zu dumm, er hatte wohl einiges nachzuholen! Seine Bücher lagen in seinem Kindergemach auf Burg Albacim. Es war wohl wirklich an der Zeit, der Mutter mal wieder einen Besuch abzustatten. | |||
"Ihr wisst ja gar nicht, was ihr mir für einen Dienst erwiesen habt", flüsterte Aureolus den unsichtbaren Geistern zu und grinste. "Adios, ihr Süßen, wir sehen uns bald wieder. Dann werdet ihr euren wahren Meister kennen lernen." | |||
Aureolus verschränkte die Arme vor der Brust, um sich auf die Burg seine Mutter zu teleportieren, doch dann zögerte er. Nein, er konnte Romina nicht tagelang alleine lassen! Er musste sie mitnehmen! Oder irgendwo anders verstecken. Wenn er aber ins Lager zurückkehrte, brauchte er seine Kräfte. Seufzend nahm Aureolus seinen Stab auf, ließ ihn entflammen und wandte sich dem Ausgang der Höhle zu. Sein Kopf schmerzte noch immer, und der Kampf gegen den Geist hatte ihn ermüdet. Um so wichtiger war es, dass er mit seinen Kräften haushielt. | |||
Nur wenige Schritte außerhalb der Höhle hielt der junge Zauberer an und lauschte. Zum Namenlosen, was war das? Hundegebell? Hier unten? Aureolus löschte das Feuer am Kopf seines Stabes und lauschte in die Dunkelheit. Wenn seine Sinne ihm keinen Streich spielten, gab es keinen Zweifel: Irgendwo da oben in der Finsternis bellte ein Hund. | |||