Chronik.Ereignis1033 Feldzug Schrotenstein 11: Unterschied zwischen den Versionen
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"In Anbetracht des Ortes, an dem wir uns befinden und in Anbetracht der Vita des vormaligen Besitzers dieses Castillos, wäre es mir bedeutend wohler, wenn Ihr mich mit Eurer unerschrockenen Klinge dort hinein begleiten könntet, alter Weggefährte!", blickte Belisetha Dom Rondrigo nun mit ihren noch immer wie Obsidian glänzenden schwarzen Augen an. "Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich fürchte nicht nur, dass nach wie vor ein Dämon von [[Rakolus der Schwarze|Rakolus dem Schwarzen]] hier in Schrotenstein sein Unwesen treibt. Ich fürchte fast noch mehr, dass die Frau, die mit dem Dämon kämpfte, niemand anders als die Erbfolgerin unserer Familia ist." | "In Anbetracht des Ortes, an dem wir uns befinden und in Anbetracht der Vita des vormaligen Besitzers dieses Castillos, wäre es mir bedeutend wohler, wenn Ihr mich mit Eurer unerschrockenen Klinge dort hinein begleiten könntet, alter Weggefährte!", blickte Belisetha Dom Rondrigo nun mit ihren noch immer wie Obsidian glänzenden schwarzen Augen an. "Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich fürchte nicht nur, dass nach wie vor ein Dämon von [[Rakolus der Schwarze|Rakolus dem Schwarzen]] hier in Schrotenstein sein Unwesen treibt. Ich fürchte fast noch mehr, dass die Frau, die mit dem Dämon kämpfte, niemand anders als die Erbfolgerin unserer Familia ist." | ||
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'''Autor:''' [[Benutzer:Von Scheffelstein|von Scheffelstein]] | |||
Die Flamme seines Zauberstabes tanzte über Steintische und rußgeschwärzte Regale an den Wänden. Über einer längst erkalteten Feuerstelle hing ein gusseiserner Kessel. Auf dem Boden zeichneten sich die silbrigen Linien eines mit Mondsilber ausgelegten Pentagramms ab. Aureolus hielt den Stab höher; das Licht fiel auf verstaubte Flaschen, Krüge und Totenschädel auf den Regalen, auf vertrocknete Kräuter, die von der Decke hingen und – auf Uhren: Sanduhren, Standuhren, Taschenuhren, Sonnenuhren, Astrolabien. Kein Rieseln von Sand, kein Ticken, kein Schlagen: Die Zeit stand still. | |||
Aureolus klappte eine goldene Taschenuhr auf und blickte in sein eigenes Spiegelbild im Deckel. Rings um das filigrane Uhrwerk zog sich eine bosparanische Inschrift, die der junge Zauberer nur mit Mühe entziffern konnte: ''Nur wer die Zeit beherrscht, herrscht!'' stand dort in zarten Lettern. | |||
Er steckte die Uhr ein und wandte sich dem großen Steintisch zu, auf dem allerlei alchemistische Apparaturen standen. Ob er hier unten Zaubertränke finden würde oder wenigstens eine Rezeptur, wie sie herzustellen waren? Seine Kräfte waren erschöpft, und er würde eine Menge astraler Macht benötigen, wenn er von hier entkommen wollte – denn einen Ausgang gab es anscheinend auch hier unten nicht – und wenn er zu [[Mordaza Maraneta]] zurückkehren musste. | |||
Aureolus' Blick fiel auf ein in grünes Leder gebundenes Buch, dessen Einband mit Mondsilber-Intarsien verziert war – Ornamenten, Drachen und einem Schädel in der Mitte. Aureolus streckte die Hand aus und strich über den verstaubten Einband. Das Metall fühlte sich kühl an, doch als er den Schädel berührte, wurde es wärmer und wärmer, und das Metall zerfloss unter seinen Fingern, bis der Schädel ein silbernes Gesicht zeigte – das Gesicht Rakolus' des Schwarzen. | |||
Aureolus starrte das Bildnis an, unfähig, sich zu rühren. Das Silbergesicht bewegte sich, und Aureolus war, als spüre er Muskeln und Kiefer, die toten Augen richteten sich auf ihn, und das Bild sprach: | |||
''"Du bist groß geworden, mein Sohn, und die erste Prüfung hast du gemeistert. Doch ehe du bereit sein wirst, mein Erbe anzutreten, musst du noch viel lernen ..."'' | |||
"Vater, ich ...", begann Aureolus, doch das Bildnis sprach ungerührt weiter, und so verstummte er. | |||
''"Lerne, meine Aufzeichnungen zu lesen. Lerne sorgfältig! Ich werde dir all mein Wissen offenbaren, nach und nach. Wenn du bereit bist, wirst du das Geheimnis deiner Existenz erkennen: Ich habe dir meinen Namen vermacht. Erkenne und nutze ihn, und du wirst auf meine Kraft zurückgreifen können. Ich werde in dir weiterleben, und du wirst mein Werk fortsetzen: Du wirst das Gleichgewicht zwischen den Sphären herstellen! Du wirst die Zeit meistern! Sei der Sohn, den ich erschaffen habe! Enttäusche mich nicht, Aureolus!"'' | |||
Die Stimme verstummte. Das Metall verformte sich unter Aureolus' Händen, bis ihn erneut ein kalter, regloser Totenschädel aus Mondsilber anglotzte. Aureolus zog die Hand zurück. | |||
"Vater!" | |||
Nichts. Nur die tanzenden Schatten, die seine magische Fackel an die Wände warf. | |||
"Vater! Antwortet mir!", schrie er. | |||
Stille. Als wäre alles nur ein Traum gewesen. Einbildung. Aureolus fröstelte. Eine feine Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. | |||
"Vater!", flüsterte er. "Sprecht mit mir!" | |||
Ein ungeheuerliches Gefühl des Verlusts machte sich in dem jungen Zauberer breit. Wie sehr hatte er sich gewünscht, seinen Vater wiederzusehen, all die Monate und Jahre. Hatte Rakolus der Schwarze ihm diese letzte Botschaft hinterlassen? Aber die Worte waren so kalt, so ohne jedes Mitgefühl gewesen! ''Enttäusche mich nicht, Aureolus!'' | |||
Er schlug das Buch auf, blätterte durch die Seiten. Es war in der verschnörkelten Schrift der Elfen geschrieben, ''Isdira'', an manchen Stellen sogar in den alten ''Asdharia''-Zeichen. Isdira beherrschte er kaum, Asdharia gar nicht. Ab und an fanden sich Bilder: Zeichnungen von Sternbildern, Pflanzen, alchemistische Formeln, Wesenheiten, die Aureolus nicht kannte. | |||
Enttäuscht klappte er das Buch zu. Das Vermächtnis seines Vaters – an ihn! Und er konnte es nicht lesen! | |||
Aureolus legte abermals seine Hand auf den Mondsilberschädel. "Vater", flüsterte er, "sprecht zu mir!" Aber das Bild blieb stumm. | |||